#MeToo

Ich bin 14. Mein Klassenlehrer und ich sind alleine im Klassenzimmer – ich habe Tafeldienst. Er packt zusammen, während ich eilig die Matheformeln wegwische, um schnell in die Pause zu können. „Machst du eigentlich Ballett?“, fragt er und stellt sich neben mich. Irritiert blicke ich auf. „Nein. Wieso?“ Er mustert mich kurz, dann erklärt er. „Mein Sohn und ich waren am Wochenende bei einem Turnier seines Sportvereins und in der Halle, wo wir da waren, hingen Fotos von der Ballettgruppe. Die eine auf dem Foto sah aus wie du.“ Ich verstehe nicht, was er mir genau damit sagen will, also wiederhole ich bloß: „Ich mache aber kein Ballett.“ Er mustert mich erneut. „Die Figur dazu hättest du aber.“ Die Figur dazu hättest du aber! Dieser letzte Satz klingt heute noch in meinen Ohren nach, wenn ich an diese Situation zurückdenke. Damals habe ich nichts darauf erwidert, sondern bin einfach so schnell ich konnte auf den Schulhof gelaufen. Was da passiert war, konnte ich lange nicht einordnen. Ich wusste nur, dass Gespräche zwischen Lehrern und Schülern so nicht ablaufen sollten.

Erzählt habe ich es damals aber keinem, nicht mal meinen Freunden.

Ich bin 21. Ich bin mit meinen beiden besten Freunden und meinem Freund feiern. Angetrunken machen wir uns gegen zwei Uhr nachts auf den Heimweg. Schon an der Bushaltestelle, wo der Nachtbus abfährt, fallen uns vier Typen unangenehm auf. Wir stellen uns etwas abseits, um ihr dummes Gelaber nicht mitbekommen zu müssen. Endlich kommt der Bus. Als ich einsteige schiebt sich eine Hand von hinten zwischen meine Beine. Obwohl Winter ist, trage ich ein Kleid und Strumpfhosen. Zuerst denke ich, mein Freund will einen dummen Scherz machen und drehe mich noch in der Bustüre um. Aber hinter mir steht nicht mein Freund. Ich blicke in die grinsenden Gesichter der vier Typen. „Hat mir einer von euch etwa grade zwischen die Beine gefasst?“ Meine Stimme klingt gar nicht so kleinlaut wie ich erwartet habe, sondern laut und fest. Danke Alkohol! Aber anstatt zu antworten, lachen die vier mich nur aus. Wie in Trance gehe ich zu meinem Freund und meinen Freunden, die längst eingestiegen waren. Augenblicklich fange ich an zu weinen. 15 endlose Minuten fahren wir mit den hysterisch lachenden Typen Bus. Und die ganze Zeit höre ich ihr Lachen, während mir die Tränen übers Gesicht laufen. Meinen Freunden kann ich nicht mal richtig erklären, was gerade passiert ist. Ich finde nur noch in mir drin statt. „Entschuldigung, weißt du, dass deine Freundin weint?“, sagt irgendwann ein Mann, der in unserer Nähe neben seiner Freundin sitzt. Ich blicke nur kurz auf und sehe, dass mein Freund mit aufeinander gepressten Lippen stumm nickt. Ich fühle mich schmutzig, bloßgestellt, will nur noch nach Hause, duschen und ins Bett. Aber Zuhause kann ich nicht ins Bad. Dort hat sich mein Freund eingeschlossen und heult, weil er mich nicht beschützen konnte. In dieser Nacht sitzen wir noch lange im Bad auf den kalten Fliesen und ich halte ihn im Arm und wiederhole immer: „Was hättest du denn auch tun wollen, die waren doch zu viert.“ Ich tröste ihn, anstatt er mich und pausenlos denke ich: Hätte ich doch nur keine Strumpfhosen getragen, dann hätte ich die Hand nicht so deutlich in meinem Schritt gespürt. Und: Hätte ich mich doch nur richtig gewehrt!

Bis heute meide ich Nachtbusse, so gut ich kann.

#MeToo

Advertisements

Macht

Du. Ich.

Er. Sie.

Dazwischen Macht.

Oben. Unten.

Links und rechts,

gestützt von Poesie.

 

Doch unerwartet – fast schon leise – birst entzwei das All,

denn trotz der Stärke dieser Zeilen bringt Macht alles zu Fall.

Warum Frauen im „Neo Magazin Royale“ nichts zu suchen haben

Ja, ich gebe zu, die Überschrift klingt reißerisch und ja, man könnte mir Clickbaiting unterstellen, deshalb zwei Dinge vorweg: Ich mag Jan Böhmermann sehr (und daran wird auch dieser Beitrag nichts ändern) und ich bin selbst eine Frau (wer diesem Blog folgt, der weiß auch das) – aber fangen wir vorne an. Als Jan Böhmermann, Moderator des Neo Magazin Royale und flauschige bessere Hälfte von Olli Schulz, in der vorletzten Ausgabe seines Satiremagazins verkündet hat, dass in der darauffolgenden Woche Johanna Maria Knothe zu Gast sein würde, habe ich mich gefreut. Mein erster Gedanke war zwar nicht „Juhu, endlich mal wieder ein weiblicher Gast!“, aber das war direkt der zweite nach: „Cool, die kenn ich von Bambule mit Sarah Kuttner und außerdem verschönern ihre klugen, teils feministischen Posts seit einigen Jahren meinen Facebook-Feed.“ Böhmermann betont öfter mal, dass die Überzahl männlicher Studiogäste nicht an mangelnden Einladungen in Richtung der weiblichen Prominenz läge – und das glaube ich ihm auch – aber aus irgendeinem Grund scheinen sich die Frauen nicht so recht in die Nähe jenes Mannes zu trauen, der nicht nur für den „Varoufake“ verantwortlich ist, sondern auch den Mut hatte, den türkischen Staatschef zu kritisieren.Weiterlesen »

Freier Fall

Ich hatte mal einen Freund, der war groß und hatte immer ein Lachen im Gesicht. Als Teenager war er die Art Freund, mit dem man im Park den Sommer verbrachte und wenn es dunkel wurde das erste Bier getrunken und von den Weinbergen aus den Sonnenuntergang beobachtet hat. Er war die Art Freund, die einen mit unter seine Jacke gelassen hat, wenn die Nächte kühler wurden und ich fror. Er war der Mensch, mit dem ich über meinen Liebeskummer sprechen konnte, bei einem oder zwei oder drei Schnaps in unserer Stammkneipe. Er war die Art Freund, mit dem ich im Vollsuff vor Jahren rumgeknutscht habe. Und wir hatten eine Freundschaft, die nicht mal daran kaputt gegangen ist, als er sich Jahre später tatsächlich in mich verliebt hat. Ich hatte mal einen Freund, der für mich da war, wenn ich fiel. Er war die Art Freund, die am nächsten Morgen vor der Tür stand, als es mir so richtig schlecht ging. Er war der Freund, in dessen Armen ich bitterlich weinen konnte, als mein Ex-Freund seine letzten Sachen bei mir abholte. Er war die Art Freund, die mich danach wieder aufbaute, mir Mut zusprach. Er war der Mensch, dem ich tatsächlich glaubte, dass alles wieder gut werden würde.

Ich habe einen Freund, der mir Fotos schickt, wenn er an Orten ist, an denen er an mich denken muss. Der mich anruft, wenn es ihm wieder schlecht geht. Den ich aufbaue, den ich auffange, nur damit er kurz danach wieder fällt. Mein bester Freund war einmal der lustigste und liebevollste Mensch, den ich mir vorstellen kann. Aber Menschen verändern sich. Sie verändern sich, wenn sie jahrelang Drogen konsumieren. Jetzt habe ich einen Freund, der nicht begreifen kann, dass er niemals ein normales Verhältnis zu Drogen jeglicher Art haben wird. Der nicht begreifen will, dass sich etwas ändern muss, wenn er eines Tages einen Job, eine Familie oder einfach ein Leben haben möchte, das ihn glücklich macht.

Ich habe einen Freund, der langsam verschwindet.

Bildquelle: Aufgenommen von meinem besten Freund, der immer an mich denken muss, wenn er an der Alster spazieren geht.

 

Done 

Ich habe keine Worte mehr übrig, die dieses Gefühl beschreiben.